Ed Ruscha. 50 Jahre Malerei


Ed Ruscha. 50 Jahre Malerei

Ausstellung vom 12. Februar - 2. Mai 2010

Die Ausstellung bietet eine umfassende Übersicht über Ruschas Gemälde aus fünf Jahrzehnten. Diese Werkauswahl rückt zunächst Konstanten in Ruschas künstlerischem Schaffen in den Blick: seine Aufmerksamkeit gegenüber dem Wort und dem Wort-Bild. Deutlich wird außerdem seine analytische Haltung gegenüber der Malerei, die immer wieder eine Revision seiner formalen Mittel zur Folge hat. Und schließlich zeigt die Ausstellung gerade durch die Aussparung anderer künstlerischer Ausdrucksformen, die Ed Ruscha ebenfalls nutzt, wie seine Erfahrung mit Zeichnung, Fotografie und Film in seine Malerei einfließt.

Ed Ruscha (gesprochen: Ru-shay, wie der Künstler mit der Einladungskarte zu einer Einzelausstellung 1973 in London klarstellt) hat schon in einem seiner frühesten Gemälde die Buchstaben seines Namens zu bildfüllenden Zeichen arrangiert, die als Vordergrund in einer Landschaft stehen; dieses "E. Ruscha" betitelte Bild entstand 1959 noch während seines Studiums. In den darauf folgenden Bildern wird die Landschaft hinter dem beherrschenden Wort nur noch angedeutet: durch eine Horizontlinie oder unterschiedliche Farbfelder. In einem weiteren Schritt wählt Ruscha statt einzelner Worte Wortmarken, die Charakter und Funktion eines Logos haben. Sie stürzen wie Großwerbeflächen am Highway als steile Diagonalen vorbei, gesehen aus der Untersicht des Autofahrers, oder stehen wie der Schriftzug "Hollywood" am Horizont, selbst Teil der Landschaft geworden. Mit solchen Mitteln überträgt Ruscha die Technik des Zoomens und der Simulation von Geschwindigkeit, wie sie im Film und Comic zum Einsatz kommt, auf die Malerei.

Seine Motive greift Ed Ruscha (geb. 1937 in Nebraska) aus der Alltagskultur, die in seiner Wahlheimat Los Angeles stark von der Film- und Werbeindustrie geprägt ist: Er zitiert mit "Annie" die Wortmarke des Comics "Little Orphan Annie", der 1924 für die New York Daily News gestaltet wurde; der Berg in den Bildern der Mountain-Serie spielt auf das Logo der Film-Produktionsfirma Paramount Pictures an; "Large Trademark with Eight Spotlights" zeigt das Logo von 20th Century Fox, und die Maße dieses Gemäldes sind dem Format der Kinoleinwand nachempfunden; in "The End" zeigt er den gleichnamigen Schriftzug, in Schwarzweißfilmen immer das letzte Standbild, umgeben von Schlieren und Kratzern wie bei beschädigtem Zelluloid.

Die Faszination, die für Ed Ruscha von Schriftbildern ausgeht, führt ihn ab 1980 zur Entwicklung einer eigenen Schriftart, "Boy Scout Utility Modern": wie in dem Schriftzug "Hollywood" auf den Hügeln vor Los Angeles sind ihre Rundungen eckig abgeschrägt, als habe ein Schreiner die Schrift entworfen. Durch sein systematisches Ausloten der Wirkung von Schrift gelangt Ruscha auch zur Verwendung von ungewöhnlichen Farbstoffen und -trägern wie Säfte, Blut, Kautabak, Schokolade, Kaffee und Tee. Bei "Sphere of Pepto-Bismol" von 1972 setzt er Pepto-Bismol, eine rosafarbene Heilsalbe für Magenleiden, als Farbträger ein; in "It's only vanishing cream" von 1973 benutzt er Schellack auf Satin, in "Sand in the vaseline" von 1974 Eidotter auf Moiré. Es geht ihm bei diesen Experimenten um die besonderen farblichen Effekte solcher Substanzen, und um ihr Verhalten in Folge von Trocknung und Alterung. In der "Romanze mit Flüssigkeiten", wie Ed Ruscha selbst diese Phase genannt hat, kommt früh sein Interesse an Vergänglichkeit und Verfall zum Ausdruck.

Seine Bildmotive sind auf der Straße und im Alltag aufgelesen, ohne ihm verhaftet zu bleiben. Vielmehr löst Ed Ruscha das Wort aus seiner ursprünglichen Eingrenzung durch einen bestimmten syntaktischen oder semantischen Zusammenhang. Die drei Buchstaben OOF - das "Uff!" einer in den Magen geboxten Comicfigur - beispielsweise hebt Ruscha ums Vielfache vergrößert auf die Leinwand; sie werden zu einer Art Stillleben oder Objekt, dem der Betrachter mit veränderter Lesart begegnen kann. Einerseits spricht der lautmalerische Ausruf jetzt umso dringlicher zum Betrachter; andererseits ist er aus seiner ursprünglichen Funktion entlassen und zum malerischen Gegenstand erweitert. Viele der von Ruscha als Bildmotiv verarbeiteten Worte wirken wie ausgesetzt in einem fremden Raum oder einer fremden Landschaft, wo sie darauf warten, erkannt zu werden.

Mit den Silhouettenbildern der 80er-Jahre erweitert Ed Ruscha sein malerisches Repertoire ein weiteres Mal. Die dunklen, unscharfen Silhouetten eines heulenden Kojoten oder einer Reihe von Planwagen, wie die Siedler sie hatten, aktivieren Bildklischees vom Amerikaner und seinem Selbstverständnis. An die Stelle von Worten sind - in stellvertretender Funktion oder als Anspielung auf Zensur - weiße Balken getreten.

Die Ausstellung zeigt auch eine Auswahl aus dem "Course of Empire"-Zyklus, mit dem Ed Ruscha 2005 auf der Biennale in Venedig die USA repräsentiert hat. Darin unterzieht Ruscha den 1992 entstandenen "Blue Collar"-Zyklus einer Revision, indem er den fünf schwarz-weißen Gemälden fünf in der Komposition gleiche, aber farbige Bilder gegenüberstellt. Sowohl die zeitgenössische Variante als auch das ursprüngliche Motiv zeigen anonyme, kastenartige Zweckbauten an beliebigen Orten. Ihre Identität wird nur durch den Schriftzug der jeweiligen Firma an der Fassade greifbar. Anhand der wechselnden Firmennamen erzählen die Bilder von "urbanen Enttäuschungen" und der "Grausamkeit des Fortschritts" (Ed Ruscha): der Ablösung einer ehemals starken Industrie und Manufaktur durch die Produkte von Dienstleistungsanbietern im digitalen Zeitalter.

Quelle: Haus der Kunst
Foto: Paul Ruscha

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