Yvonne Pouget: Tanztheater Vita tu mi fai morire - Hoch oben weites Blau reloaded | 16. - 19. September 2010 im i-camp München.
Yvonne Pougets Tanztheater „Vita, tu mi fai morire“ ist die herausgepresste und nochmals verdichtete Essenz ihrer Produktion „Hoch oben weites Blau“. Ausgangspunkt bleibt das Unglück eines russischen Tauch-U-Boots, das im August 2005 nach drei Tagen vom Meeresgrund geborgen werden konnte. Gemeinsam mit dem Sänger und Schauspieler Giacomo Di Benedetto entführt sie den Zuschauer dabei in eine tiefgründig-geheimnisvolle Theaterwelt, in der die Seele atmet.
Die gebürtige Italienerin Yvonne Pouget beleuchtet die Folgen von Trauma und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und nimmt den Betrachter mit in den Abyss, in den Abgrund des Traumas, den sie fühlbar in den Theaterraum projiziert. Am Ende zeigt sich Er-Lösung, trotz des harten und sehr zeitaktuellen Themas gelingt Pouget ein sinnlich-packender Abend, bei dem der Zuschauer am Ende sicher und erleichtert aus dem (mit)-gefühlten Abgrund zurück geleitet wird.
Pouget bezeichnet den Abend als „ein Gebet für davongeflogene Seelenvögel“.
Yvonne Pouget - Idee / Regie / Choreographie / Tanz
Giacomo di Benedetto - Gesang / Schauspiel
Anja Uhlig - Video
Rainer Ludwig - Licht
Der Abend befasst sich mit Trauma. Er beleuchtet die Erschütterung, die ein Trauma für die gesamte Persönlichkeit bedeutet. Um dieses überaus komplexe Thema für den Zuschauer greifbarer zu machen, wählt Yvonne Pouget als theoretischen Ausgangspunkt das Unglück eines russischen U-Boots: Drei Tage lang schienen die Matrosen dem Tod geweiht, umgeben von Dunkelheit, Kälte, erdrückenden Wassermassen am Grund des Pazifiks. Das Tauchboot Pris As-28 hatte sich in der
Verkabelung einer unterseeischen Abhöranlage verheddert. Dann werden die sieben russischen Matrosen geborgen. Und können den Himmel wieder sehen: „Hoch oben weites Blau“!
Unfall und Bergung gehen durch die Presse. Fakten, Zahlen. Yvonne Pouget fragt dagegen: Wie ist es den Männern ergangen? Wohin gingen ihre Seelen in dieser
ausweglosen Stahlbüchse unter dem Meer? Die Choreographin, die sich viel mit Traumaforschung beschäftigt hat, bedient sich dabei den Erkenntnissen der aktuellen Traumaforschung. Sie beleuchtet die Folgen von Monotraumata ebenso wie die Symptomatik von schweren dissoziativen Störungen/chronifizierter Posttraumatischer
Belastungsstörung (PTBS) nach mehrfacher bzw. anhaltender Traumatisierung. Die
Psychosomatische Symptombildung der PTBS ist Zeit- und Kulturabhängig. Die gewählte Formsprache und das ausgewählte physische Material der Choreographin orientiert sich an der Symptomatik der „Kriegszitter“ des 1. Weltkriegs. Diese "expressive" Symptomatik von PTBS ist ähnlich wie andere "expressive" psychosomatische Symptombildung (die so genannten Konversionsneurosen oder "hysterische" Lähmungen und Krampfanfälle, die am Anfang des 20. Jh. noch sehr häufig waren) heutzutage zugunsten der "stummen Symptome" Schmerz, Schwindel,
Erschöpfung weitgehend "ausgestorben".
Im ersten Teil des Stückes geht es mehr um die Entstehung und Ausprägung von traumatisch veränderter Hirnstruktur. Dabei wird nicht versucht narrativ zu erzählen und zu erklären, sondern die innere Welt und Empfindungen eines traumatisierten Menschen unmittelbar über den Körper fühlbar in den Theaterraum zu projezieren. Im zweiten Teil des Abends sind Aspekte bzw. Ausblicke von Traumatherapie auf Heilung nach allerneustem wissenschaftlichen Stand eingeflossen. Auf diese Art setzt Yvonne Pouget mit ihrer Produktion zusammen mit dem Sänger und Schauspieler
Giacomo Di Bendetto der posttraumatischen Belastung ein liebevoll poetisches Denkmal: gewidmet der Rettung des unsichtbaren Soldaten und des Mädchens, das er an Land zurück gelassen hat. Pouget versteht in diesem Zusammenhang ihre ganz spezifische Formsprache jenseits des „klassischen“ zeitgenössischen Tanzes als einen Akt der symbolischen Wunscherfüllung. Ihre Arbeiten nehmen in der freien Tanzszene einen besonderen Platz ein. Sie stehen für die kleine Bewegung, das äußerlich Sichtbare reduziert auf die Essenz.
Vita, tu mi fai morire bedient sich dieser „Körpersprache der Poesie“ in Reinform zur metaphysischen Wunschhandlung: Die Welt der Bühne ermöglicht, woran die Realität scheitert, Flügelbaubewilligung für die Seele. Yvonne Pouget verwirklicht ihre Kunst rückhaltlos, ohne Zugeständnisse, aus einer Notwendigkeit heraus. Eine Notwendigkeit, die kein Aufgeben erlaubt, die ihre Energiequelle schöpft aus
dem Pochen einer offenen Wunde, in dem unbeherrschbaren Drang, unmittelbar das zu sagen, was gesagt werden muss. Die Zeit hat keine Zeit. Sie steht im Spannungsverhältnis mit dem Betrachten. Im Spannungsverhältnis mit einem unerträglichen Schmerz. Der Abend findet seine besondere Form durch die außergewöhnliche Künstler-Partnerschaft mit dem italienischen Sänger/Schauspieler Giacomo Di Benedetto. Mit Di Benedetto inszenierte Yvonne Pouget bereits in der Produktion „Il viaggo- la smorfia della vita“. Di Benedetto kann sich hingebungsvoll und mit bewundernswertem Einsatz auf die komplexe choreographische Sprache von
Pouget einlassen und sie mit seiner Stimme ergänzen und erweitern.
Quelle: i-camp/neues theater münchen
Foto: Anja Wechsler
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PROGRAMM
CHECKMATE
Musik: Arthur Bliss
Choreographie: Ninette de Valois
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