Samstag 23.06.2012 - 19:30 Uhr - Residenz Theater München

Das weite Land - Theater von Arthur Schnitzler


Das weite Land - Theater von Arthur Schnitzler

Das Residenztheater zeigt: Das weite Land - Tragikömodie in fünf Akten von Arthur Schnitzler im Residenz Theater München!

Ein junger begabter Pianist hat in einem Wiener Hotelzimmer Selbstmord begangen. Über seine Motive kann nur spekuliert werden, da er keinen Abschiedsbrief hinterlassen haben soll. Seinen letzten Abend habe er in Gesellschaft des Industriellen Friedrich Hofreiter beim Billard verbracht. Ist sein Ende das Ergebnis eines Duells am Billardtisch, bei dem der Verlierer sich aus dem Leben schaffen muss (aber der Pianist soll die Partie doch gewonnen haben)? Außerdem ist die Frau des Industriellen, Genia, sehr wohl im Besitz eines Abschiedsbriefes, aus dem überdies hervorgeht, dass sie sich einer Affäre mit dem Pianisten verweigert hatte.

Und zwar nicht, weil sie sich nicht zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Und erst recht nicht, weil sie ihre Ehe nicht hätte gefährden wollen. Denn dass Hofreiter zu erotischen Ausflügen neigt, die Beziehung zur Frau seines Bankiers Natter hat diese gerade erst beendet, ist nicht nur Genia bewusst. Hofreiter fühlt sich von der Standhaftigkeit und Untadeligkeit seiner Frau regelrecht bedroht. Er „flieht“ in die Tiroler Berge - und in die nächste Affäre. Während seiner Abwesenheit lässt sich Genia mit einem jungen Fähnrich ein, dem Sohn einer Bekannten. Als Hofreiter bei seiner Rückkehr Zeuge eines nächtlichen Rendezvous wird, fordert er den jungen Mann zum Duell und erschießt ihn.

Dass zwischen Geschwindigkeitsrekorden, verbesserten Glühbirnen und Fernreisen, zwischen Frauensport, offenen Beziehungen und allgemeiner Besprechbarkeit von allem zwei junge Menschen für eine rettungslos verpfuschte Ehe sterben „müssen,“ hat in der Tat etwas Tragisches und Komisches zugleich. Es ist die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, von rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen einerseits und brüchig gewordenen Formen, unhaltbaren Einstellungen andererseits, die Schnitzler interessiert: „ ...noch immer, in irgendeinem Winkel unseres Verstandes kauern diese alten sterbensmüden Ideen... nur ein Hauch braucht uns anzuwehen aus dieser kindischen Welt... und diese alten Ideen werden wieder frech und lebendig...“ (Arthur Schnitzler) Dieses Herausgefallensein aus der Zeit, das Gefühl, nicht vollständig in der Gegenwart zu leben, ist nicht nur verantwortlich für die berühmte Schnitzlersche Ironie, sondern auch für die grundlegende Gereiztheit und Aggressivität dieser wohl gekleideten Menschen.

„Ich empfinde "Das weite Land" deutlich als „mein“ Stück, als eine Thematik, die mich tief betrifft und von der ich erst langsam verstehen musste, dass ihr Sinn und ihre Abgründigkeit auch in mir selber angelegt ist. Man kann dieses Stück nur aus einer Lebens-Erfahrung heraus profund begreifen; es spielt in unseren Leben, in unserer Zeit. Rund um uns: Flucht aus ehelichen Gemeinschaften/ hastig, im Verborgenen ausagierte erotische Abenteuer/ Auflösungserscheinungen in Familien- und Beziehungsstrukturen – all das beschreibt Schnitzler gnadenlos genau. Der Zustand einer Gesellschaft, deren Charakteristika Brüchigkeit, Unruhe, Statik, Konservativismus, Kälte und Undurchsichtigkeit in den Beziehungen der Menschen sind, wird sichtbar am Zustand einer Ehe.

Die Unruhe dieser jenseits aller materiellen Sorgen lebenden „Freizeit-Gesellschaft“ äußert sich in Rastlosigkeit und Fluchtwünschen; alle suchen nach Unterhaltung, nach Vergnügen, nach dem Kick – im Spiel, im Theater, in den Bergen... Wenngleich immer in Gesellschaft, empfindet man sich als völlig unabhängig und isoliert. Diese Gesellschaft erweist sich als konservativ in ihren politischen Zielen, im Festhalten an der lächerlichen „Eitelkeits- und Ehrenkomödie“ des Duells – das zum Sinnbild des Durcheinanders von abenteuerlichen, aggressiven und konventionellen Impulsen wird.“ (Martin Kušej)

„Der Bürger ist derjenige, der sich eigentlich seiner Rechte und Privilegien sicher ist. Die Erosion des Bürgertums als klassische herrschende Klasse, das seit Jahren zu beobachtende hektische Gebastel an seiner Rekonstruktion, komplett mit Klavierstunde, Taufe und wilhelminischen Vornamen, ist längst Karikatur. Wütend ist der Bürger in seinem immer wieder vermeintlich bestätigten Gefühl, ihm würden seine Privilegien, die Regeln, an die er gewöhnt ist, entzogen. Von Rechtschreibreformern, Ausländern, Gutmenschen, Gender-Mainsreaming und Regietheater, aber auch von seinesgleichen: anderen (bedrohten) Bürgern.

Der wütende Bürger glaubt nicht an die Garantierbarkeit seiner Rechte. Seine Wut ist die aus dem stabilen Streit herausgefallene Unsicherheit über seinen wahren Status und den seiner Antipoden. Ist um mich herum Recht oder Chaos?“ (Diedrich Diederichsen)

Das weite Land - Theater von Arthur Schnitzler in München
Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Helmut Neugebauer

Mit: Gunther Eckes, Thomas Gräßle, Britta Hammelstein, Markus Hering, Juliane Köhler, Shenja Lacher, Eva Mattes, Barbara Melzl, Tobias Moretti, Gerhard Peilstein, Katharina Pichler, August Zirner

Quelle: Residenztheater München
Foto: Hans Jörg Michel

Veranstaltungsdaten


Veranstaltung
Das weite Land - Theater von Arthur Schnitzler in München
Veranstaltungsort
Termine
23.06.12 19:30
Kartenpreise
16,00 bis 48,00 EUR zzgl. Gebühren
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